Wege zur Psychotherapie Teil 1

Grundsätzlich vorab: Um eine Psychotherapie in Anspruch zu nehmen, bedarf es oft langer Wartezeiten. Drei Monate sind hier nicht unüblich. Deshalb sollte sich jeder Depressive erstens über seine Krankheit schnell Klarheit verschaffen (Ist man wirklich depressionskrank und braucht man professionelle Hilfe? – Siehe dazu auch Schnell-/Eigentest oben) und zweitens so schnell wie möglich um einen Therapieplatz bemühen.

Ein Tipp: Ist man Privatpatient, geht es meistens schneller. Da haben die meisten Therapeuten immer Zeit und Gelegenheit, einen Patienten dazwischen zu quetschen. In jedem Fall: Erkundigen Sie sich bitte nach den aktuellen Sätzen bei Ihrer Krankenkasse und lassen Sie sich eine Quittung geben.

Ist man privat stationär zusatzversichert, kann man sich quasi selbst in eine Fachklinik einweisen. Auch hier gilt: Privat geht fast immer sofort.

Wie oben bereits beschrieben ist der formale Weg zunächst über den Hausarzt zum Nervenarzt oder Psychiater. Es muss auf jeden Fall ein Facharzt sein.  Psychotherapeuten sind in der Regel keine Ärzte, sondern Diplompsychologen, die zwar die Hauptarbeit mit dem Kranken leisten, aber keine Ärzte sind.  Auch kann nur der Facharzt Psychopharmaka wie Antidepressiva verschreiben.

Es gibt auch Nervenärzte, die therapieren. Die sind aber selten. Meist betreiben sie nur Krisenintervention.  Sie müssen einen Nervenarzt schon gut kennen, wenn der Sie therapieren soll. In der Regel haben Sie hier einen Termin im Quartal, und der ist mit maximal 20 Minuten schon gut geplant.

Der Facharzt erstellt eine möglichst exakte Diagnose, damit der Psychotherapeut weiß, wo er in seiner Therapie ansetzen muss. In der Regel werden zunächst 20 bis 25 Sitzungen beim Therapeuten bei der Krankenkasse beantragt.  Meistens erhält man etwa innerhalb einer Woche die Zusage. Es ist ein rein formaler Weg, der eigentlich nicht verweigert wird und werden kann.

Dann beginnt die Suche nach einem geeigneten Therapeuten, die auch schon vor der Zusage beginnen   sollte. Meistens hilft einem der Facharzt dabei. Der richtige Therapeut ist das A und O. Man muss Vertrauen haben, denn man muss sich ihm weit öffnen (können). Es geht tief ins Detail, ins Intime, ins Persönliche.  Wenn sich ein Depressiver nicht öffnet, nutzt die beste Therapie nichts.  Gute Therapeuten „knacken“ ihre Patienten relativ schnell. Denn nur so können sie gezielt weiterarbeiten.

Wenn ein schwuler Familienvater sich beispielsweise aus Scham nicht traut, dass seinem Psychologen anzuvertrauen, hilft die beste Therapie nichts. Wenn der beispielsweise nur dazu bereit ist, einen heterosexuellen Seitensprung innerhalb der Beziehung einzuräumen, dann therapiert er in die völlig falsche Richtung. Der Depressive muss also erstens überhaupt bereit zu einer Therapie sein und zweitens sich voll   öffnen können. Dazu muss Vertrauen, ja geradezu ein Verhältnis zum Therapeuten aufgebaut werden. Deshalb ist der passende Therapeut so wichtig. Der Arzt kann eine grobe Richtung vorgeben, etwa die: Schickt er den Patienten zu einem Fachmann, der verhaltenstherapeutisch orientiert arbeitet, tiefenpsychologisch vorgeht oder Angstphobien zum Schwerpunkt hat.

Dann kommt es auch darauf an, ob man einen männlichen oder weiblichen Therapeuten empfiehlt. Wer schon eh Probleme mit starken Frauen hat, sollte eher einen männlichen Therapeuten wählen und umgekehrt. Wer eine Vergewaltigung zu verarbeiten hat, ist besser bei einer Frau aufgehoben. Dann kommt es noch darauf an, ob jemand vielleicht einen strafrechtlichen, kriminellen Hintergrund hat, etwa drogenabhängig ist, geklaut hat oder pädophil veranlagt ist. Der sollte tunlichst jemanden suchen, der Erfahrung vielleicht im Jugendknast oder generell mit strafrechtlichen Fällen hat. Oft resultieren Depressionen auch aus Beziehungsproblemen.  Dann ist es ratsam, einen Paar-Therapeuten zu wählen, der vielleicht später auch den Partner mit ins Boot holt. Traumata nach Schwangerschaftsabbrüchen, Probleme in den Wechseljahren, Angstphobien, Arbeitsplatz-         oder Mobbingprobleme – nicht jeder Therapeut ist für jeden Fall gleich gut.

Erkundigen Sie sich in einem Erstgespräch nach dem Profil   des Psychologen ganz genau. Schaffen Sie sich einen ersten Eindruck. Nicht umsonst sind die ersten fünf Sitzungen eine reine Testphase.  Sie dürfen aussteigen, wenn es nun gar nicht passt. Die Chemie muss stimmen, sonst wird es nichts. Sie müssen es mit Ihrem Therapeuten können. So mancher Depressive wechselt auch den Psychologen, weil er nun gar nicht klarkommt, manchmal wird es leider auch zum Irrweg. Eine Sitzung beim Therapeuten dauert i.d.R. 45 Minuten. Man muss konsequent die Termine einhalten, weil sie heiß begehrt sind.  Oft wartet man vier bis zwölf Wochen auf seinen ersten Termin. Wer den Termin nicht rechtzeitig absagt, muss ihn aus der eigenen Tasche bezahlen, und das kann 70 bis 100 Euro kosten.

Es gibt klare Vereinbarungen mit dem Psychologen, manchmal auch in Form von Verträgen. Etwa Selbstmordgefährdete müssen unterschreiben, dass sie sich während der Therapie nichts antun, sonst wird sie selbst beim Versuch sofort abgebrochen. So müssen Magersüchtige beispielsweise auch unterschreiben, dass sie nicht unter ein bestimmtes, festgelegtes Gewicht rutschen, sonst ist die Therapie zu Ende.

Eine Therapie hat klare Strukturen. Das, was man vom Vater der Psychotherapie, Freud, kennt, gibt es heute kaum. Man liegt nicht auf der Couch, sondern sitzt allenfalls auf ihr. Die Atmosphäre ist meist behaglich, warme gedämpfte Farben, anregende Bilder, ein angenehmes Ambiente sollen für eine lockere Gesprächssituation sorgen, in der es sich leichter reden lässt. Der Therapeut gibt Anstöße, will aber möglichst was von Ihnen erfahren. In den ersten Sitzungen muss er sich natürlich ein Bild von Ihnen verschaffen, um zu wissen, wo er ansetzen muss.  Im weiteren Verlauf kommen natürlich die Auslöser und Ursachen der Depression auf den Tisch. Ziel ist es, die Mechanismen zu knacken, die zu den Verstimmungen führen.

 

 

Kommentar absenden